ADHS - KANN MAN DAS ÜBERHAUPT TESTEN?
- Herwig Schlögl
- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Warum eine fundierte ADHS-Diagnostik weit mehr ist als ein einzelner Test
"Kann man nicht einfach einen ADHS-Test machen?" – Diese Frage wird mir in meiner Praxis regelmäßig gestellt. Viele Menschen gehen davon aus, dass sich eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ähnlich wie ein erhöhter Blutdruck oder ein Laborwert eindeutig feststellen lässt. Tatsächlich funktioniert eine wissenschaftlich fundierte ADHS-Diagnostik jedoch grundlegend anders.
Einen einzelnen Test, der eine ADHS eindeutig bestätigt oder ausschließt, gibt es nicht. Vielmehr entsteht die Diagnose durch die sorgfältige Zusammenführung unterschiedlicher diagnostischer Informationen. Internationale Leitlinien empfehlen deshalb ausdrücklich eine mehrmethodische und leitlinienbasierte Diagnostik, bei der verschiedene Informationsquellen systematisch miteinander verknüpft und im klinischen Gesamtkontext beurteilt werden (ICD-11; DSM-5-TR; ADHS-S3-Leitlinie).
Die nachfolgende Abbildung veranschaulicht den grundsätzlichen Aufbau einer modernen klinisch-psychologischen ADHS-Diagnostik und zeigt, wie die einzelnen diagnostischen Bausteine zu einem fundierten Gesamtbild zusammengeführt werden.

Erst das Zusammenspiel dieser diagnostischen Bausteine ermöglicht eine wissenschaftlich fundierte diagnostische Entscheidung.
Während die Entwicklungsanamnese die Symptomatik bis in die Kindheit zurückverfolgt, liefern die ausführliche Anamnese (Krankengeschichte über die gesamte Lebensspanne) sowie die klinisch-psychologische Exploration wesentliche Informationen über den Beginn, den Verlauf und die aktuellen Auswirkungen der Beschwerden auf Beruf, Alltag und soziale Beziehungen.
Ergänzend erfassen standardisierte klinisch-psychologische Testverfahren unter anderem Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung, Impulskontrolle, exekutive Funktionen (Planen, Organisieren und zielgerichtetes Handeln) sowie mögliche psychische Begleitbelastungen.
Ebenso bedeutsam ist die Differenzialdiagnostik (Abgrenzung zu anderen möglichen Ursachen der Beschwerden). Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit oder innere Unruhe treten nicht ausschließlich bei ADHS auf. Ähnliche Symptome können beispielsweise auch im Rahmen einer Depression, Angststörung, Traumafolgestörung, chronischer Schlafstörungen oder anderer psychischer beziehungsweise neurologischer Erkrankungen auftreten.
Eine fundierte Diagnostik untersucht deshalb immer auch, welche anderen Erklärungen für die geschilderten Beschwerden infrage kommen oder zusätzlich bestehen könnten.
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht dies: Zwei Personen können in einem Aufmerksamkeitstest nahezu identische Ergebnisse erzielen. Entscheidend ist jedoch nicht allein das Testergebnis, sondern die Frage, wodurch die Beschwerden verursacht werden.
Eine sorgfältige Diagnostik prüft deshalb stets, ob die Symptomatik im Rahmen einer ADHS erklärt werden kann oder ob andere psychische beziehungsweise körperliche Erkrankungen die Beschwerden besser erklären. Obwohl die Testergebnisse ähnlich aussehen, können sich die diagnostischen Schlussfolgerungen erheblich unterscheiden.
Ausschlaggebend ist nicht das einzelne Testergebnis, sondern seine Einordnung in den gesamten klinischen Kontext.
Genau deshalb sprechen wir in der Klinischen Psychologie von einer klinischen Gesamtschau. Erst wenn Exploration, Entwicklungsanamnese, Verhaltensbeobachtung, standardisierte Testverfahren sowie differenzialdiagnostische Überlegungen miteinander verknüpft werden, entsteht ein belastbares diagnostisches Gesamtbild.
Eine leitliniengerechte ADHS-Diagnostik erfolgt darüber hinaus interdisziplinär (unter Einbeziehung verschiedener Fachdisziplinen). Während die klinisch-psychologische Diagnostik die ADHS-Symptomatik, Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, exekutive Funktionen sowie mögliche psychische Begleitbelastungen umfassend erfasst und beurteilt, dienen die erforderlichen medizinischen Abklärungen insbesondere dem Ausschluss körperlicher oder neurologischer Ursachen der Beschwerden sowie der Erfassung relevanter Begleiterkrankungen.
Je nach individueller Fragestellung können hierzu beispielsweise Laboruntersuchungen, weiterführende neurologische Abklärungen oder – sofern medizinisch indiziert – bildgebende Verfahren erforderlich sein. Dieses strukturierte und mehrmethodische Vorgehen erhöht die diagnostische Sicherheit und trägt dazu bei, das Risiko von Über- und Unterdiagnosen möglichst gering zu halten.
Eine sorgfältige ADHS-Diagnostik verfolgt deshalb nicht das Ziel, möglichst rasch eine Diagnose zu stellen. Vielmehr geht es darum, die individuelle Lebensgeschichte eines Menschen zu verstehen, bestehende Schwierigkeiten nachvollziehbar einzuordnen und deren Ursachen wissenschaftlich fundiert zu beurteilen.
Nicht jede Konzentrationsstörung ist eine ADHS – und nicht jede ADHS zeigt sich auf den ersten Blick.
Einzelne Selbsttests oder Aufmerksamkeitstests können wertvolle Hinweise liefern.
Sie ersetzen jedoch niemals eine umfassende klinisch-psychologische Diagnostik, bei der Informationen aus unterschiedlichen Quellen systematisch zusammengeführt und bewertet werden (AWMF, 2024; WHO, ICD-11; APA, DSM-5-TR; NICE NG87).
Die fundierte klinisch-psychologische Befundung bildet eine wesentliche Grundlage für die weitere ärztliche Beurteilung und Therapieplanung. Sie ermöglicht eine nachvollziehbare diagnostische Einordnung, unterstützt die Differenzialdiagnostik und trägt dazu bei, die individuell passende Behandlung auf eine wissenschaftlich fundierte Basis zu stellen.
Für viele Betroffene bedeutet eine sorgfältige diagnostische Abklärung weit mehr als die Vergabe einer Diagnose. Sie schafft häufig erstmals Klarheit darüber, warum bestimmte Schwierigkeiten seit vielen Jahren bestehen, welche Faktoren sie beeinflussen und welche Unterstützung oder Behandlung individuell sinnvoll erscheint.
Eine gute ADHS-Diagnostik beantwortet daher nicht nur die Frage, ob eine ADHS vorliegt. Sie hilft vor allem zu verstehen, warum ein Mensch so erlebt, denkt und handelt – und welche nächsten Schritte daraus sinnvoll abgeleitet werden können.
✔ Genau darin liegt die Stärke einer modernen klinisch-psychologischen ADHS-Diagnostik.
📚 Quellen (Auswahl)
AWMF. (2024). S3-Leitlinie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
World Health Organization (WHO). International Classification of Diseases (ICD-11).
American Psychiatric Association (APA). (2022). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5-TR).
National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87).
Kooij, J. J. S., et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD.
Faraone, S. V., et al. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement.
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