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„ICH HABE ADHS - sagt TikTok?“

Herwig Schlögl
vor 1 Stunde
4 Min. Lesezeit

Wenn aus einem Video plötzlich eine Diagnose wird...


Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme, ständiges Aufschieben oder innere Unruhe: 

In sozialen Medien werden alltägliche Verhaltensweisen zunehmend als typische ADHS-Symptome dargestellt. Doch wie zuverlässig sind solche Aussagen? 

Und wann wird aus einer persönlichen Vermutung tatsächlich eine klinisch begründete Diagnose?


Wenn der Algorithmus zum Diagnostiker wird

  • Sie vergessen regelmäßig Termine? 

  • Schieben unangenehme Aufgaben auf? 

  • Beginnen mehrere Dinge gleichzeitig und bringen manches nicht zu Ende?


„Auf TikTok und anderen sozialen Medien scheint das manchmal schon auszureichen, um eine ADHS-Diagnose nahezulegen.“


Natürlich ist das überspitzt. Aber genau darin liegt das Problem: 

Verhaltensweisen, die viele Menschen aus ihrem Alltag kennen, werden auf Social Media oft als eindeutige Hinweise auf eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) inszeniert.


Typische Aussagen lauten:

  • „Wenn du ständig Dinge aufschiebst, hast du vielleicht ADHS.“

  • „Du kannst dich nur auf interessante Dinge konzentrieren? Typisch ADHS!“

  • „Du bist innerlich unruhig, obwohl du äußerlich ruhig wirkst? Vielleicht hast du unerkannte ADHS.“


Solche Beschreibungen können zum Nachdenken anregen. Sie sind jedoch weder spezifisch für ADHS noch für sich genommen diagnostisch aussagekräftig.


Wenn aus einer Vermutung eine Gewissheit wird

Eine Erklärung für langjährige Schwierigkeiten zu finden, kann enorm entlastend sein. Plötzlich erscheinen Probleme im Beruf, Konflikte in Beziehungen oder die dauerhafte Überforderung bei der Selbstorganisation in einem neuen Licht. 


Doch dabei stellt sich eine wichtige Frage:

Kann die Vermutung, ADHS zu haben, beeinflussen, wie wir unsere eigenen Schwierigkeiten wahrnehmen?


Eine österreichische Studie aus dem Jahr 2026 befragte 93 Klinische Psychologinnen und Psychologen zu ihren Erfahrungen mit Selbst- und Wunschdiagnosen im diagnostischen Alltag. Die Befragten berichteten, dass sie solche Diagnoseerwartungen zunehmend wahrnehmen. Die Untersuchung verdeutlicht damit ein Spannungsfeld zwischen persönlicher Selbstwahrnehmung, diagnostischen Erwartungen und professioneller Abklärung:


  1. Selbstreflexion: Menschen beschäftigen sich intensiver mit ihrer psychischen Gesundheit.

  2. Selbstdiagnose: Einzelne alltägliche Verhaltensweisen werden einer bestimmten psychischen Störung zugeordnet.

  3. Erwartungshaltung: Eine bereits angenommene Diagnose kann die Wahrnehmung eigener Schwierigkeiten beeinflussen.

  4. Professionelle Diagnostik: Die ursprüngliche Vermutung trifft auf eine systematische, ergebnisoffene Überprüfung.


Das bedeutet keineswegs, dass Menschen mit einem selbst geäußerten Verdacht unrecht haben. Eine Diagnose sollte jedoch das Ergebnis einer Untersuchung sein – nicht deren Voraussetzung.


Was TikTok erzählt – und was dabei verloren geht

Eine 2026 veröffentlichte Inhaltsanalyse von 98 besonders reichweitenstarken TikTok-Videos zum Thema ADHS zeigte: 


➜ Rund 89 Prozent der untersuchten, besonders reichweitenstarken TikTok-Videos wurden als irreführend eingestuft. Das Ergebnis bezieht sich auf die untersuchte Auswahl und ist nicht auf sämtliche ADHS-Videos übertragbar.


Problematisch sind vor allem folgende Faktoren:

  • Starke Vereinfachung: Komplexe diagnostische Kriterien werden auf einzelne Verhaltensweisen reduziert.

  • Fehlende Differenzialdiagnostik: Andere mögliche Ursachen werden kaum berücksichtigt.

  • Algorithmische Verstärkung: Wiederholt angezeigte ähnliche Inhalte können den Eindruck verstärken, die eigene Diagnose stehe bereits fest.


Nicht jede Konzentrationsstörung ist ADHS

Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit oder innere Unruhe können unterschiedliche Ursachen haben – etwa chronischen Stress, Schlafstörungen, Angststörungen, Depressionen oder problematischen Substanzkonsum.


➜ Solche Beschwerden können unabhängig von einer ADHS auftreten oder gleichzeitig mit ihr bestehen.


Entscheidend für die Diagnose ist daher nicht die bloße Anzahl wiedererkannter Symptome, sondern deren Einordnung:


  • Seit wann bestehen die Schwierigkeiten? 

  • Gab es bereits in der Kindheit entsprechende Auffälligkeiten – oder wurden Schwierigkeiten damals durch klare Strukturen und Unterstützung im familiären Umfeld ausgeglichen?

  • Treten sie in unterschiedlichen Lebensbereichen auf (Beruf, Privatleben, Freizeit)?

  • Welche konkreten Einschränkungen ergeben sich im Alltag?

  • Lassen sich die Beschwerden durch andere Ursachen besser erklären?


Was eine seriöse ADHS-Diagnostik leisten muss

Eine fundierte klinisch-psychologische Diagnostik geht weit über einen Online-Selbsttest hinaus. Sie nutzt ein mehrmethodisches Vorgehen:


  • Lebensspannen-Anamnese: Systematische Erhebung der persönlichen Entwicklung und möglicher ADHS-Symptome von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter.

  • Standardisierte klinische Fragebögen: Systematische Erfassung der ADHS-Symptomatik und damit verbundener Schwierigkeiten.

  • Fremdbeurteilungen und Schulzeugnisse: Ergänzende Einschätzungen durch Angehörige sowie Informationen aus früheren Schulzeugnissen zu möglichen Auffälligkeiten in der Kindheit und im weiteren Lebensverlauf.

  • Leistungsdiagnostik und exekutive Funktionen: Untersuchung von Aufmerksamkeit und kognitiven Basisleistungen sowie Erfassung sogenannter exekutiver Funktionen – also Fähigkeiten, die uns helfen, Aufgaben zu planen, zu organisieren, zu beginnen und zielgerichtet zu Ende zu führen.

  • Differenzialdiagnostik: Systematische Abklärung anderer möglicher Ursachen der Beschwerden sowie Berücksichtigung psychischer Begleiterkrankungen und möglicher Wechselwirkungen.


Kein einzelner Fragebogen und kein einzelner Test können eine ADHS zuverlässig bestätigen oder ausschließen. 

Erst die Zusammenführung aller Untersuchungsergebnisse ermöglicht eine fachlich fundierte klinisch-psychologische Gesamtbeurteilung.

Wenn eine solche Untersuchung zu einem anderen Ergebnis führt als ursprünglich erwartet, ist das kein Scheitern der Diagnostik – gerade darin zeigt sich der Wert einer ergebnisoffenen diagnostischen Abklärung.


Social Media kann auch helfen

Bei aller berechtigten Kritik: Soziale Medien bieten auch Chancen.

Auch auf TikTok gibt es fachlich fundierte Aufklärungsangebote von qualifizierten Expertinnen und Experten. Solche Beiträge können Wissen über ADHS vermitteln, Vorurteile abbauen und Hemmschwellen gegenüber professioneller Hilfe senken.


Gerade Erwachsenen, die ihre Schwierigkeiten jahrelang kompensiert haben, können solche Inhalte helfen, ihre Probleme erstmals ernst zu nehmen.

Sich in einem Video wiederzuerkennen, ist ein möglicher Ausgangspunkt – aber noch kein diagnostisches Ergebnis.


Vielleicht müssen wir die Frage anders stellen

Statt zu fragen: „Habe ich ADHS, weil ich mich in diesen Videos wiedererkenne?“, wäre eine andere Perspektive hilfreicher:


 „Welche Schwierigkeiten belasten mich tatsächlich – und was steckt dahinter?“


Das ermöglicht eine ergebnisoffene Betrachtung, ohne das Ergebnis vorwegzunehmen. 

Wer ausschließlich nach ADHS sucht, läuft Gefahr, andere bedeutsame Ursachen zu übersehen. Wer ADHS hingegen vorschnell ausschließt, übersieht möglicherweise eine tatsächlich bestehende Störung.


➜ Klinisch-psychologische Diagnostik bestätigt nicht einfach eine Vermutung. Sie überprüft diese – wissenschaftlich fundiert, mehrmethodisch und ergebnisoffen.


Wissenschaftliche Quellen

  1. Neumann, M., Rothenberg, M., Mittmann, G., Ramsauer, J., Dorczok, M. C., & Steiner-Hofbauer, V. (2026). Quirky, relatable, misleading: ADHD’s viral identity on TikTok. [Skurril, nachvollziehbar, irreführend: Das virale Bild von ADHS auf TikTok.] Current Psychology, 45(4), Artikel 329. https://doi.org/10.1007/s12144-025-08675-1

  2. Neumann, M., Steiner-Hofbauer, V., Aigner, M., Höflich, A., Holzinger, A., & Mittmann, G. (2026). Increasing self- and desired psychiatric diagnoses among emerging adults: Mixed-methods insights from clinical psychologists. [Zunehmende Selbst- und Wunschdiagnosen psychischer Erkrankungen bei jungen Erwachsenen: Erkenntnisse aus einer Befragung Klinischer Psychologinnen und Psychologen.] International Journal of Clinical and Health Psychology, 26(1), Artikel 100661. https://doi.org/10.1016/j.ijchp.2025.100661

  3. National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Attention deficit hyperactivity disorder: Diagnosis and management. [Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: Diagnostik und Behandlung.] NICE Guideline NG87. https://www.nice.org.uk/guidance/ng87

Hinweis: Die deutschen Titelübersetzungen in eckigen Klammern dienen der besseren Verständlichkeit. Die verlinkten wissenschaftlichen Originalquellen sind in englischer Sprache verfasst.




 
 
 

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