ADHS UND EMOTIONEN | NULL AUF HUNDERT: WENN GEFÜHLE ÜBERSCHIESSEN

Ein kritischer Kommentar beschäftigt einen noch Stunden später. Eine kleine Planänderung löst unverhältnismäßig starken Ärger aus. Frustration steigt innerhalb weniger Augenblicke an. In einem Konflikt wird etwas gesagt, das man kurze Zeit später bereits bereut. Die Emotion ist schneller da, stärker als erwartet – und lässt sich nur schwer wieder herunterregulieren.
Wer an ADHS denkt, denkt meist zuerst an Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit, innere Unruhe oder Impulsivität. In der wissenschaftlichen Diskussion rückt jedoch ein weiterer Bereich zunehmend in den Mittelpunkt: die emotionale Dysregulation.
Sie kann für Erwachsene mit ADHS im Alltag erheblich belastend sein. Gleichzeitig ist eine wichtige Einschränkung notwendig:
Emotionale Dysregulation ist nicht gleichbedeutend mit ADHS und stellt für sich allein kein diagnostisches Kriterium für eine ADHS dar.
Was bedeutet emotionale Dysregulation?
Emotionen zu regulieren bedeutet nicht, Gefühle zu unterdrücken. Emotionale Regulation beschreibt vielmehr die Fähigkeit, emotionale Reaktionen der jeweiligen Situation entsprechend zu beeinflussen: ihre Intensität zu steuern, impulsive Reaktionen zu hemmen und nach einer starken emotionalen Aktivierung wieder zu einem ausgeglicheneren Zustand zurückzufinden.
Von emotionaler Dysregulation spricht man, wenn diese Regulation erschwert ist. Typische Erscheinungsformen können sein:
rasch ansteigende Gereiztheit oder Ärger,
geringe Frustrationstoleranz,
intensive emotionale Reaktionen auf vergleichsweise geringe Auslöser,
emotionale Impulsivität,
ausgeprägte Stimmungsschwankungen,
Schwierigkeiten, sich nach einer emotionalen Aktivierung wieder zu beruhigen.
Entscheidend ist dabei nicht, dass ein Mensch intensive Gefühle erlebt. Intensive Emotionen gehören zum normalen menschlichen Erleben. Klinisch relevant wird vielmehr die Frage, wie schnell eine emotionale Reaktion entsteht, wie stark sie ausfällt, wie gut sie reguliert werden kann und welche Auswirkungen sie auf den Alltag hat.
Was hat das mit ADHS zu tun?
Die Forschung zeigt seit Jahren einen deutlichen Zusammenhang zwischen ADHS und Schwierigkeiten der Emotionsregulation. Eine Meta-Analyse zu Erwachsenen mit ADHS fand gegenüber Kontrollgruppen deutliche Unterschiede sowohl hinsichtlich allgemeiner emotionaler Dysregulation als auch hinsichtlich emotionaler Labilität und negativer emotionaler Reaktionen. Die Ausprägung emotionaler Dysregulation stand zudem in Zusammenhang mit der Stärke der ADHS-Symptomatik.
Neuere Untersuchungen bestätigen die klinische Bedeutung dieses Bereichs. Emotionale Dysregulation scheint bei Erwachsenen mit ADHS mit psychosozialer Beeinträchtigung und verminderter Lebensqualität verbunden zu sein. Aktuelle Forschungsarbeiten beschäftigen sich deshalb zunehmend mit der Frage, ob neben Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität auch die emotionale Selbstregulation stärker in die klinische Betrachtung der adulten ADHS einbezogen werden sollte.
Auch Untersuchungen, die emotionale Reaktionen unmittelbar im Alltag erfassen, zeigen Zusammenhänge zwischen emotionaler Dysregulation, negativem Affekt und funktionellen Beeinträchtigungen.
Ist emotionale Dysregulation ein Kernsymptom der ADHS?
Nein – jedenfalls nicht nach den derzeit geltenden diagnostischen Klassifikationssystemen.
Die Kernsymptomatik der ADHS wird weiterhin über Unaufmerksamkeit sowie Hyperaktivität und Impulsivität definiert. Emotionale Dysregulation gehört nicht zu den diagnostischen Kernkriterien.
In etablierten diagnostischen Konzepten zur ADHS im Erwachsenenalter, etwa den Wender-Utah-Kriterien, werden affektive Labilität und emotionale Überreagibilität jedoch bereits seit Langem als zusätzliche Merkmale berücksichtigt.
Das ist für die klinische Einordnung entscheidend.
Ein Mensch kann Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation haben, ohne ADHS zu haben. Umgekehrt muss nicht jeder Erwachsene mit ADHS eine ausgeprägte emotionale Dysregulation zeigen.
Die wissenschaftliche Diskussion beschäftigt sich intensiv mit der Bedeutung emotionaler Dysregulation für das klinische Erscheinungsbild der ADHS. Gleichzeitig besteht keine Grundlage dafür, starke Emotionalität oder Stimmungsschwankungen isoliert als Hinweis auf eine ADHS zu interpretieren.
Warum können Gefühle bei ADHS so schnell „überschießen“?
Eine mögliche Verbindung liegt in der Selbstregulation.
ADHS betrifft nicht ausschließlich die Fähigkeit, Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten. Schwierigkeiten können auch bei der Hemmung spontaner Reaktionen, beim Wechsel der Aufmerksamkeit, bei der Handlungssteuerung und bei weiteren exekutiven Anforderungen auftreten.
Emotionale Regulation lässt sich vor diesem Hintergrund als komplexer Regulationsprozess verstehen: Eine Emotion entsteht, wird wahrgenommen, bewertet und beeinflusst das weitere Verhalten. Gleichzeitig müssen spontane Reaktionen gegebenenfalls gehemmt und an die jeweilige Situation angepasst werden.
Bei emotionaler Dysregulation kann dieser Prozess weniger stabil funktionieren. Das subjektive Erleben kann dann beispielsweise lauten:
„Ich weiß, dass meine Reaktion gerade zu stark ist – aber in diesem Moment kann ich sie kaum stoppen.“
Das bedeutet nicht, dass jede emotionale Überreaktion auf eine Störung exekutiver Funktionen zurückgeführt werden kann. Die genauen Zusammenhänge zwischen ADHS, Impulsivität, exekutiver Kontrolle und Emotionsregulation sind weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.
Wenn der Alltag darunter leidet
Emotionale Dysregulation kann sich in sehr unterschiedlichen Lebensbereichen bemerkbar machen.
Im Berufsleben kann eine kritische Rückmeldung ungewöhnlich lange nachwirken. In Partnerschaften können Konflikte schneller eskalieren. Im Straßenverkehr kann geringe Frustrationstoleranz zu heftigen Reaktionen führen. Kleine organisatorische Hindernisse können plötzlich starke Gereiztheit hervorrufen.
Auch positive Emotionen können sehr intensiv erlebt werden. Emotionale Dysregulation bedeutet deshalb nicht ausschließlich Ärger oder negative Stimmung, sondern betrifft grundsätzlich die Steuerung emotionaler Intensität und emotionaler Reaktionen.
Von besonderer klinischer Bedeutung sind die möglichen Folgen: wiederkehrende Konflikte, Belastungen in Partnerschaft und Familie, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder ein subjektives Gefühl, den eigenen emotionalen Reaktionen ausgeliefert zu sein.
Nicht jede starke Emotion ist ADHS
Gerade hier ist diagnostische Zurückhaltung wichtig.
Emotionale Dysregulation ist kein spezifisches Merkmal der ADHS.
Schwierigkeiten der Emotionsregulation können auch im Zusammenhang mit anderen psychischen Störungen oder Belastungszuständen auftreten. Dazu zählen beispielsweise affektive Störungen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Persönlichkeitsstörungen oder substanzbezogene Störungen.
Auch Schlafmangel, chronischer Stress und anhaltende psychosoziale Belastungen können die emotionale Regulation beeinträchtigen.
Die Frage lautet deshalb diagnostisch nicht:
„Reagiere ich emotional sehr stark?“
Sondern:
„Lässt sich unter Berücksichtigung der gesamten Entwicklung und der aktuellen Funktionsbeeinträchtigungen tatsächlich eine ADHS nachweisen?“
ADHS oder Stimmungsschwankung – warum der zeitliche Verlauf wichtig ist
Besondere Bedeutung hat die Differenzialdiagnostik gegenüber affektiven Störungen.
Bei ADHS können emotionale Reaktionen rasch auftreten und situationsabhängig sein. Eine diagnostisch relevante depressive oder bipolare Symptomatik folgt dagegen eigenen psychopathologischen und zeitlichen Kriterien.
Ähnliche einzelne Symptome bedeuten daher nicht zwangsläufig dieselbe Störung.
Genau aus diesem Grund reicht eine Liste von Symptomen aus dem Internet für eine diagnostische Beurteilung nicht aus.
Was bedeutet das für die ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter?
Eine fachgerechte ADHS-Diagnostik darf emotionale Dysregulation berücksichtigen – sie darf die Diagnose aber nicht daraus ableiten.
Entscheidend bleibt ein über die Lebensspanne nachvollziehbares Muster der ADHS-Kernsymptomatik. Nach den diagnostischen Kriterien müssen relevante Symptome bereits in der Kindheit bestanden haben, in mehreren Lebensbereichen auftreten und zu einer funktionellen Beeinträchtigung führen. Andere psychische Störungen, Erkrankungen oder Substanzeinflüsse dürfen die Symptomatik nicht besser erklären.
Eine fundierte klinisch-psychologische Diagnostik berücksichtigt deshalb mehrere Informationsebenen:
Anamnese und Entwicklungsgeschichte, aktuelle Symptomatik, retrospektive Beurteilung der Kindheit, Selbst- und nach Möglichkeit Fremdbeurteilungen, Funktionsbeeinträchtigungen sowie mögliche Komorbiditäten und Differenzialdiagnosen.
Ein einzelner Fragebogen kann diese diagnostische Gesamtbeurteilung nicht ersetzen.
Emotionale Dysregulation: wichtig – aber diagnostisch richtig einordnen
Die zunehmende wissenschaftliche Aufmerksamkeit für emotionale Dysregulation erweitert unser Verständnis der ADHS im Erwachsenenalter. Sie macht sichtbar, warum die Beeinträchtigung bei manchen Betroffenen weit über Konzentrationsprobleme oder Vergesslichkeit hinausgehen kann.
Gleichzeitig sollte gerade die Popularität des Themas nicht zu einer Ausweitung des ADHS-Begriffs führen.
Starke Gefühle sind keine ADHS-Diagnose.
Emotionale Dysregulation kann ein klinisch bedeutsamer Bestandteil des Erscheinungsbildes einer ADHS sein. Ob tatsächlich eine ADHS vorliegt, lässt sich jedoch nur aus der Zusammenschau von Entwicklungsgeschichte, Kernsymptomatik, Funktionsbeeinträchtigung und differenzialdiagnostischer Abklärung beurteilen.
FAZIT
ADHS im Erwachsenenalter betrifft mehr als Konzentration und Aufmerksamkeit. Schwierigkeiten der emotionalen Regulation können bei Erwachsenen mit ADHS einen bedeutsamen Teil der alltäglichen Beeinträchtigung darstellen.
Das charakteristische Erleben kann darin bestehen, dass Emotionen rasch an Intensität gewinnen, Reaktionen schwerer gehemmt werden können oder die Rückkehr zu einem ausgeglicheneren emotionalen Zustand länger dauert.
Wissenschaftlich entscheidend bleibt jedoch die Abgrenzung:
Emotionale Dysregulation ist klinisch relevant, aber nicht ADHS-spezifisch und kein eigenständiger diagnostischer Nachweis einer ADHS.
Eine sorgfältige Diagnostik betrachtet deshalb nicht das einzelne auffällige Symptom, sondern das Gesamtbild über die Lebensspanne.
Quellen / weiterführende Literatur
Beheshti, A., Chavanon, M.-L. & Christiansen, H. (2020). Emotion dysregulation in adults with attention deficit hyperactivity disorder: a meta-analysis. [Emotionsdysregulation bei Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: eine Meta-Analyse.] BMC Psychiatry, 20, 120. Die Meta-Analyse umfasst 13 Studien mit insgesamt 2.535 Personen und zeigt eine deutlich stärkere allgemeine Emotionsdysregulation bei Erwachsenen mit ADHS; besonders ausgeprägt waren emotionale Labilität und negative emotionale Reaktionen.Originalpublikation
Cortese, S., Bellgrove, M. A., Brikell, I., Franke, B., Goodman, D. W., Hartman, C. A., et al. (2025). Attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) in adults: evidence base, uncertainties and controversies. [Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Erwachsenen: Evidenzbasis, Unsicherheiten und Kontroversen.] World Psychiatry, 24(3), 347–371. Der aktuelle internationale Überblick behandelt ausdrücklich die Bedeutung emotionaler Dysregulation für das diagnostische Konstrukt der adulten ADHS. Die Autor:innen betonen zugleich ihre geringe Spezifität für ADHS und den weiterhin kontroversen Status als mögliches Kernmerkmal.Originalpublikation
Marchant, B. K., Reimherr, F. W., Robison, D., Robison, R. J. & Wender, P. H. (2013). Psychometric properties of the Wender-Reimherr Adult Attention Deficit Disorder Scale. [Psychometrische Eigenschaften der Wender-Reimherr-Skala zur Aufmerksamkeitsdefizitstörung bei Erwachsenen.] Psychological Assessment, 25(3), 942–950. Die auf den Wender-Utah-Kriterien basierende Skala erfasst sieben Symptombereiche der adulten ADHS, darunter Temperament, affektive Labilität und emotionale Überreagibilität.Originalpublikation
National Institute for Health and Care Excellence – NICE. Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87). [Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: Diagnostik und Behandlung.] Die Leitlinie betont, dass die Diagnose auf einer umfassenden klinischen und psychosozialen Beurteilung sowie einer Entwicklungs- und psychiatrischen Anamnese beruhen und nicht allein aus Fragebogenergebnissen oder Beobachtungsdaten abgeleitet werden soll.NICE-Leitlinie NG87
Poetár, C.-R. & Nistor, A. (2026). Ecological Momentary Assessment of Emotion Dysregulation in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Systematic Review. [Alltagsnahe Echtzeiterfassung emotionaler Dysregulation bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: ein systematischer Review.] Psychiatric Quarterly. Der Review umfasst 33 Studien mit rund 2.678 Teilnehmenden und zeigt Zusammenhänge zwischen Emotionsdysregulation, negativem Affekt und funktionellen Beeinträchtigungen im Alltag.Originalpublikation
Hinweis: Die deutschen Übersetzungen der englischsprachigen Publikationstitel in eckigen Klammern wurden zur besseren Verständlichkeit erstellt. Maßgeblich sind die jeweiligen englischen Originaltitel.
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