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ADHS BEI MÄNNERN: WIE VERÄNDERT SICH DAS ERSCHEINUNGSBILD IM ERWACHSENENALTER?

Herwig Schlögl
vor 3 Tagen
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen


ADHS wird häufig mit dem Bild des unruhigen, impulsiven Kindes verbunden. Tatsächlich wird die Störung im Kindes- und Jugendalter bei Buben häufiger erkannt als bei Mädchen. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine bereits früh bestehende ADHS im Erwachsenenalter immer offensichtlich bleibt.

Mit zunehmendem Alter kann sich das Erscheinungsbild verändern. Eine ausgeprägte motorische Hyperaktivität kann zurücktreten oder sich stärker als innere Unruhe, Rastlosigkeit oder permanenter Aktivitätsdrang zeigen. Gleichzeitig können Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Selbstorganisation und emotionaler Regulation fortbestehen.


WARUM KANN ADHS AUCH BEI MÄNNERN LANGE UNERKANNT BLEIBEN?

Auch bei Männern kann eine ADHS über Jahre kompensiert werden. Gute kognitive Fähigkeiten, stark strukturierte Lebensbedingungen, berufliche Interessen oder ein Umfeld, das organisatorische Aufgaben mitträgt, können Schwierigkeiten teilweise auffangen.

Probleme werden mitunter erst deutlich, wenn die äußere Struktur abnimmt oder die Anforderungen steigen – beispielsweise beim Übergang in ein Studium, beim Berufseinstieg, bei zunehmender beruflicher Verantwortung oder bei der selbstständigen Organisation von Familie und Alltag.


Typische Schwierigkeiten können dann sein:

  • chronisches Aufschieben und Schwierigkeiten, Aufgaben zu beginnen

  • mangelnde Zeitplanung und häufiges Zuspätkommen

  • Vergessen von Terminen oder Verpflichtungen

  • Schwierigkeiten mit administrativen und organisatorischen Aufgaben

  • rascher Interessenverlust bei monotonen Tätigkeiten

  • impulsive Entscheidungen

  • innere Unruhe und Schwierigkeiten abzuschalten

  • emotionale Reizbarkeit oder geringe Frustrationstoleranz


WENN HYPERAKTIVITÄT NICHT MEHR WIE HYPERAKTIVITÄT AUSSIEHT

Die für ADHS typische Hyperaktivität muss sich im Erwachsenenalter nicht mehr durch offensichtliches Herumlaufen oder ausgeprägte motorische Unruhe zeigen.

Manche Männer beschreiben vielmehr das Gefühl, ständig etwas tun zu müssen, schlecht zur Ruhe kommen zu können oder mehrere Aktivitäten gleichzeitig zu benötigen. Häufiges Wechseln von Tätigkeiten, ein ausgeprägter Bewegungsdrang, schnelles Sprechen oder Schwierigkeiten mit längeren ruhigen Situationen können Ausdruck dieser veränderten Symptomatik sein.


IMPULSIVITÄT UND EMOTIONSREGULATION

Neben Aufmerksamkeitsproblemen können impulsive Verhaltensweisen das Erwachsenenleben erheblich beeinflussen. Entscheidungen werden möglicherweise schnell getroffen, bevor mögliche Konsequenzen ausreichend berücksichtigt wurden. Dies kann sich beispielsweise bei Ausgaben, beruflichen Entscheidungen, im Straßenverkehr oder in zwischenmenschlichen Situationen bemerkbar machen.

Hinzu können Schwierigkeiten bei der Regulation von Ärger, Frustration und emotionaler Anspannung kommen. Solche Probleme sind nicht spezifisch für ADHS, können das klinische Erscheinungsbild jedoch wesentlich mitprägen.


BERUFLICH ERFOLGREICH – IM ALLTAG TROTZDEM ÜBERFORDERT

Ein Mann mit ADHS muss beruflich keineswegs erfolglos sein. Gerade Tätigkeiten mit hohem Interesse, wechselnden Anforderungen, unmittelbaren Rückmeldungen oder einem hohen Aktivierungsniveau können gut bewältigt werden.

Gleichzeitig können erhebliche Schwierigkeiten bei Routineaufgaben, Dokumentation, Zeitmanagement, langfristiger Planung oder privaten Verpflichtungen bestehen.

Dadurch kann eine auffällige Diskrepanz entstehen: Nach außen hohe Leistungsfähigkeit – bei gleichzeitig erheblichem Aufwand für Selbstorganisation und Alltagsbewältigung.


ADHS ODER DEPRESSION, ANGST, ERSCHÖPFUNG ODER SUBSTANZKONSUM?

Konzentrationsprobleme, Antriebsschwankungen, innere Unruhe, Schlafprobleme oder emotionale Reizbarkeit können zahlreiche Ursachen haben. Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen oder Substanzkonsum können ähnliche Beschwerden verursachen oder gemeinsam mit einer ADHS auftreten.

Wiederholte Misserfolge, chronische Überforderung und Schwierigkeiten bei der Selbstorganisation können zudem sekundäre psychische Belastungen begünstigen.

Deshalb reicht es nicht aus, einzelne Symptome oder einen auffälligen ADHS-Fragebogen isoliert zu betrachten. Eine sorgfältige Differenzialdiagnostik ist ein wesentlicher Bestandteil einer fundierten ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter.


WARUM DIE LEBENSSPANNENANAMNESE ENTSCHEIDEND IST

Für die Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter ist entscheidend, ob sich ein konsistentes, bereits in Kindheit und Jugend beginnendes Symptommuster rekonstruieren lässt.

Schulzeugnisse, frühere Berichte sowie Fremdbeurteilungen durch Eltern oder andere Bezugspersonen können deshalb wichtige zusätzliche Informationen liefern.


Eine fundierte klinisch-psychologische Diagnostik berücksichtigt nicht nur die aktuelle Symptomatik, sondern insbesondere Entwicklungsverlauf, Funktionsbeeinträchtigungen, Selbst- und Fremdbeurteilung, kognitive bzw. aufmerksamkeitsbezogene Leistungen sowie mögliche Differenzialdiagnosen und Begleiterkrankungen.


FAZIT

ADHS bei Männern im Erwachsenenalter entspricht nicht zwangsläufig dem klassischen Bild des hyperaktiven Kindes. Motorische Hyperaktivität kann sich verändern, während Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Selbstorganisation, Impulsivität und emotionaler Regulation fortbestehen.

Entscheidend ist daher nicht ein einzelnes Symptom, sondern die klinische Gesamtschau über die Lebensspanne. Eine sorgfältige Differenzialdiagnostik hilft dabei, ADHS von anderen Ursachen ähnlicher Beschwerden abzugrenzen und mögliche Begleiterkrankungen zu erkennen.


Quellenangaben


Babinski, D. E. (2024). Sex Differences in ADHD: Review and Priorities for Future Research. Current Psychiatry Reports, 26(4), 151–156.[Geschlechtsunterschiede bei ADHS: Überblick über den aktuellen Forschungsstand und zukünftige Forschungsschwerpunkte.] 


Faheem, M. et al. (2022). Gender-based differences in prevalence and effects of ADHD in adults: A systematic review. Asian Journal of Psychiatry, 75, 103205. [Geschlechtsbezogene Unterschiede bei Häufigkeit und Auswirkungen von ADHS im Erwachsenenalter: eine systematische Übersichtsarbeit.] 


Hartman, C. A. et al. (2023). Anxiety, mood, and substance use disorders in adult men and women with and without attention-deficit/hyperactivity disorder: A substantive and methodological overview. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 151, 105209. [Angst-, affektive und Substanzkonsumstörungen bei erwachsenen Männern und Frauen mit und ohne ADHS: fachlicher und methodischer Überblick.] 


Soler-Gutiérrez, A.-M., Pérez-González, J.-C., & Mayas, J. (2023). Evidence of emotion dysregulation as a core symptom of adult ADHD: A systematic review. PLOS ONE, 18(1), e0280131. [Evidenz zur emotionalen Dysregulation als bedeutsamer Symptomdimension der ADHS im Erwachsenenalter: eine systematische Übersichtsarbeit.] 


Mestres, F. et al. (2025). Sex differences in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder: A population-based study. European Psychiatry, 68(1), e90. [Geschlechtsunterschiede bei Erwachsenen mit ADHS: eine populationsbasierte Untersuchung.] 


Chua, I. J. J. et al. (2026). ADHD symptom manifestation in adulthood: moving beyond conceptualisations of inattention and hyperactivity/impulsivity. Irish Journal of Psychological Medicine. [Wie sich ADHS-Symptome im Erwachsenenalter zeigen: über die klassischen Bereiche Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität hinaus.] 


Hinweis: Die deutschen Titelübersetzungen in eckigen Klammern sind eigene Übersetzungen der englischsprachigen Originaltitel.

 
 
 

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