ADHS BEI FRAUEN: WARUM WIRD ES OFT ERST IM ERWACHSENENALTER ERKANNT?
- Herwig Schlögl
- vor 1 Tag
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Aktualisiert: vor 9 Stunden

ADHS wird noch immer häufig mit dem Bild eines unruhigen, impulsiven und leicht ablenkbaren Kindes verbunden. Gerade bei Mädchen und Frauen können die Schwierigkeiten jedoch weniger offensichtlich sein. Eine ADHS wird deshalb mitunter erst im Erwachsenenalter diagnostisch abgeklärt und erkannt.
Dabei wäre es zu einfach zu sagen, ADHS sehe bei Frauen grundsätzlich anders aus als bei Männern. Die individuelle Ausprägung ist sehr unterschiedlich. Bestimmte Erscheinungsformen können bei Mädchen und Frauen jedoch leichter übersehen oder zunächst anders eingeordnet werden.
Warum ADHS bei Frauen häufiger übersehen wird
Im Kindesalter wird ADHS bei Jungen deutlich häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. Dabei muss zwischen Prävalenz (Häufigkeit einer Störung in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe) und tatsächlich gestellten Diagnosen unterschieden werden.
Ein möglicher Grund für die spätere Erkennung: Nach außen deutlich auffälliges Verhalten wird häufig schneller wahrgenommen. Ein Kind, das ständig aufsteht, dazwischenruft oder impulsiv handelt, fällt eher auf als ein ruhiges Kind, das häufig gedanklich abschweift, Dinge vergisst oder Schwierigkeiten hat, sich zu organisieren.
Auch gesellschaftliche Erwartungen und diagnostische Gewohnheiten können beeinflussen, welche Verhaltensweisen als auffällig wahrgenommen werden. Die Forschung weist darauf hin, dass ADHS bei Mädchen und Frauen vergleichsweise häufig nicht oder erst spät erkannt wird.
Ein Beispiel: Ein Mädchen erzielt gute Schulnoten und verhält sich im Unterricht ruhig. Zu Hause braucht es jedoch außergewöhnlich lange für Hausaufgaben, vergisst regelmäßig Materialien und benötigt viel Unterstützung bei der Organisation. Die Schwierigkeiten sind vorhanden – nach außen fallen sie aber kaum auf.
Wenn Hyperaktivität nicht im Vordergrund steht
ADHS bedeutet nicht automatisch sichtbare Hyperaktivität. Schwierigkeiten können insbesondere Aufmerksamkeit, Arbeitsorganisation und exekutive Funktionen betreffen. Darunter versteht man mentale Steuerungsprozesse, die beispielsweise für Planung, Arbeitsgedächtnis, Selbstkontrolle und zielgerichtetes Handeln benötigt werden.
Im Erwachsenenalter kann sich dies ganz alltäglich zeigen: Aufgaben werden immer wieder aufgeschoben, das Setzen von Prioritäten fällt schwer, Termine werden vergessen oder mehrere gleichzeitige Anforderungen führen rasch zu Überforderung.
Bei Frauen können zudem internalisierende Beschwerden (nach innen gerichtete Beschwerden wie Ängste, Grübeln oder depressive Symptome) stärker im Vordergrund stehen. Die zugrunde liegenden Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Selbstorganisation werden dadurch möglicherweise zunächst weniger wahrgenommen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Frauen mit ADHS grundsätzlich nicht hyperaktiv oder impulsiv sind. Es gibt nicht das eine typische Erscheinungsbild von ADHS bei Frauen.
Nach außen funktioniert alles – aber mit welchem Aufwand?
Gute Schulnoten, ein abgeschlossenes Studium oder beruflicher Erfolg schließen ADHS nicht grundsätzlich aus. Entscheidend kann auch sein, mit welchem Aufwand dieses Funktionsniveau erreicht und aufrechterhalten wird.
Manche Betroffene entwickeln ausgeprägte Kompensationsstrategien (Strategien zum Ausgleich bestehender Schwierigkeiten): zahlreiche Listen und Erinnerungen, mehrfaches Kontrollieren von Terminen, übermäßig frühe Vorbereitung oder einen außergewöhnlich hohen Zeitaufwand für organisatorische Aufgaben.
Ein Beispiel: Eine beruflich erfolgreiche Frau ist immer pünktlich. Dafür trägt sie jeden Termin in mehrere Kalender ein, stellt mehrere Erinnerungen und plant deutlich mehr Vorbereitungszeit ein als andere. Nach außen funktioniert alles – der dafür notwendige Organisationsaufwand bleibt unsichtbar.
Für die diagnostische Beurteilung zählt daher nicht ausschließlich das sichtbare Ergebnis. Relevant ist auch, ob die Bewältigung alltäglicher Anforderungen dauerhaft mit erheblichem Aufwand, Stress oder funktionellen Einschränkungen verbunden ist.
Hormone und ADHS – kann der Zyklus eine Rolle spielen?
Dieser Aspekt ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus der Forschung gerückt.
Sexualhormone wie Östradiol (eine wichtige Form des Östrogens) und Progesteron (Gelbkörperhormon) schwanken während des Menstruationszyklus und beeinflussen auch Prozesse im zentralen Nervensystem.
Neuere Untersuchungen liefern erste Hinweise darauf, dass hormonelle Veränderungen bei manchen Frauen mit Veränderungen der ADHS-Symptomatik einhergehen können. Beschrieben werden beispielsweise Schwankungen von Aufmerksamkeit, exekutiven Funktionen und emotionaler Regulation.
Auch prämenstruelle Beschwerden könnten bei Frauen mit ADHS häufiger auftreten. In einer Untersuchung mit 209 Frauen mit ADHS berichteten 45,5 % entsprechende Symptome einer prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS/PMDD; ausgeprägte psychische Beschwerden wie Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen oder depressive Stimmung vor der Menstruation). Die Übertragbarkeit dieses Einzelbefundes auf Frauen mit ADHS insgesamt ist jedoch begrenzt.
Auch andere hormonelle Lebensphasen – etwa Pubertät, Schwangerschaft oder Perimenopause (Übergangsphase vor der Menopause) – rücken zunehmend in den Fokus der Forschung. Für allgemeingültige Schlussfolgerungen ist die bisherige Datenlage jedoch noch nicht ausreichend.
Mögliche zyklusabhängige Schwankungen können als zusätzliche Verlaufsinformation berücksichtigt werden. Dabei ist auch zu beachten, dass sich eine bestehende ADHS-Symptomatik prämenstruell verstärken und sich mit gleichzeitig auftretenden prämenstruellen Beschwerden überlagern kann.
ADHS, Depression, Angst oder Erschöpfung?
Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, innere Unruhe, Schlafprobleme oder Erschöpfung sind nicht spezifisch für ADHS. Ähnliche Beschwerden können beispielsweise bei Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen oder chronischer Überlastung auftreten.
Gleichzeitig können mehrere Störungen gemeinsam bestehen. Dies bezeichnet man als Komorbidität (gleichzeitiges Vorliegen verschiedener Erkrankungen oder Störungsbilder).
Ein Beispiel: Eine Frau sucht wegen Erschöpfung, Konzentrationsproblemen und wiederkehrenden depressiven Beschwerden diagnostische Hilfe. Nun muss geklärt werden: Bestanden die Aufmerksamkeits- und Organisationsprobleme bereits lange vor der depressiven Symptomatik? Gab es entsprechende Hinweise schon in Kindheit und Jugend? Oder lassen sich die aktuellen Konzentrationsprobleme besser durch die Depression erklären?
Genau hier liegt die Bedeutung der Differenzialdiagnostik (systematische Abgrenzung verschiedener möglicher Ursachen eines Beschwerdebildes).
Warum die Lebensgeschichte entscheidend ist
Eine erstmalige ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter bedeutet nicht, dass die zugrunde liegende Symptomatik erst im Erwachsenenalter entstanden ist. ADHS zählt zu den neuroentwicklungsbedingten Störungen – die Entwicklung seit Kindheit und Jugend ist daher für die diagnostische Beurteilung wesentlich.
Neben den aktuellen Beschwerden werden frühere Auffälligkeiten und das Funktionsniveau in unterschiedlichen Lebensphasen betrachtet. Schulzeugnisse, vorhandene Vorbefunde und – soweit verfügbar – Informationen von Personen, die die Betroffene bereits in ihrer Kindheit kannten, können zusätzliche Hinweise liefern.
Diese Lebensspannen-Anamnese (systematische Betrachtung der Entwicklung über verschiedene Lebensphasen hinweg) ist besonders wichtig, wenn Schwierigkeiten lange kompensiert wurden oder andere psychische Beschwerden im Vordergrund standen.
Ein einzelner Fragebogen oder Aufmerksamkeitstest kann diese diagnostische Gesamtschau nicht ersetzen.
FAZIT
ADHS kann bei Frauen lange unerkannt bleiben. Weniger auffällige Erscheinungsformen, Kompensationsstrategien und gleichzeitig bestehende psychische Beschwerden können dazu beitragen. Neuere Forschung beschäftigt sich zudem mit der Frage, welchen Einfluss hormonelle Veränderungen auf die Ausprägung der Symptomatik haben können.
Dabei gibt es nicht „die weibliche ADHS“. Frauen unterscheiden sich ebenso wie Männer erheblich hinsichtlich Symptomatik, Funktionsniveau und Begleiterkrankungen. Auch hormonelle Einflüsse sind individuell unterschiedlich und wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
Eine fundierte ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter betrachtet deshalb nicht einzelne Symptome isoliert, sondern deren Entwicklung über die Lebensspanne, das tatsächliche Funktionsniveau, mögliche Kompensationsmechanismen sowie alternative Erklärungen und gleichzeitig bestehende psychische Störungen.
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Quellen – Auswahl
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Nayman, S. et al. (2025). Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder across the Menstrual Cycle: Late-Luteal Symptom Exacerbation, Medication Use, and the Role of Sleep Quality and Perceived Stress. [ADHS im Verlauf des Menstruationszyklus: spätluteale Symptomverstärkung, Medikamenteneinnahme sowie die Bedeutung von Schlafqualität und wahrgenommenem Stress.] Preprint.
Hinweis: Die deutschen Titelübersetzungen dienen der besseren Verständlichkeit und sind eigene Übersetzungen der englischsprachigen Originaltitel. Bei Nayman et al. (2025) handelt es sich um einen Preprint, der zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags noch nicht als peer-reviewte Fachpublikation vorlag.
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